Dienstag, 30. August 2016

++9: Trauminsel mit Nebenwirkungen

Es hätte so entspannt werden können. Das Setting dafür könnte besser nicht sein: Arbeit beendet, Weltreise vor der Nase und zwei Wochen auf der Trauminsel schlechthin. Aber der Sansibar-Urlaub nimmt eine unerwartete und besorgniserregende Wendung. Nach Fieber, Krämpfen und sonstigen Schmerzen heißt das Setting: Krankenhaus, Blutprobe und Hotelzimmer-Quarantäne. Die Fehlinterpretation des Hotel-Docs bleibt für immer eine Erinnerung. Sagt der Lappen: Ja, das ist Malaria. Zum Glück vertraut er seiner eigenen Hypothese nicht und schlägt die Experten im Krankenhaus vor. Nach einer Stunde Fahrt, ein paar Nadeln und verwirrten Blicken heißt die neue Diagnose nun Salmonellen. Auch nicht schön, aber weniger gefährlich. Geburtstag verbringe ich somit mehr im Hotelzimmer als am kilometerlangem Strand. Egal, geht alles wieder vorbei und the show must go on - oder so. New York up next! 

Samstag, 20. August 2016

++8: Analyse der Außenwirkung-Innenwirkung-Beziehungen auf Fähren nach Sansibar

Gefühlt alle weißen Menschen Daresalaams haben sich hier versammelt. Mit scharrenden Füßen warten sie sehnsüchtig vor der Fähre um gen Luxus zu schippern. Dabei haben es die meisten nicht geschafft das afrikanische Lebensgefühl zu verinnerlichen. Gedrängel, Panik, menschliche Tragödien. Der Weg nach Sansibar ist im Gegensatz zur Insel selbst steinig und unansehnlich. Die tansanischen Mitarbeiter an Land tragen ihren Teil dazu bei. Jeder will seinen Teil der ersten Welt abbekommen. Logisch, kostet doch das Ticket zur Business Class stolze 35 US-Dollar. Horrend! Das ist Dekadenz pur – gemessen am durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Einheimischen.

Während um ihn herum die Welt gefühlt untergeht, versucht der Autor dieses Blogs seine gesamte Seelenruhe zusammenzunehmen und ruhig zu bleiben. Er trödelt mit Absicht in der Warteschlange, gibt sich viel Mühe alles ganz lässig zu machen und redet Mitarbeiter auf Swahili an. Es wirkt von außen wohl mehr arrogant als leger. Dem Autor ist das egal, weil für ihn darf der Stress nicht jetzt schon wiederbeginnen. Endete jener doch erst gestern Abend. Da schloss Mr Sill nämlich den letzten Arbeitstag als Praktikant in Afrika ab. Das Arbeitszeugnis schrieb er sich natürlich selbst. Es wirkt von außen wohl mehr arrogant als authentisch.

Auch wenn der Schreiberling dieser Website dieses Jahr schon durch Namibia, Botswana, das freiheitsliebende Simbabwe und Tansania tourte, beginnt sein Reise-Spektakel mit der Fahrt auf die Trauminsel (zu kitschig?) jetzt erst wirklich. Von dort geht es nämlich mit kurzem Transit in Deutschland ins Land der unbegrenzten (politischen) Möglichkeiten. Bevor eine machtgeile, rigorose und gefährliche Person das höchste politische Amt der Welt besetzt – oder doch Trump Präsident wird – muss man die USA noch schnell im „Normalzustand“ besuchen. Die Reiseroute Sansibar – München – Frankfurt – New York in 48 Stunden wirkt von außen wohl mehr dekadent als süddeutsch. Wie kann man sich als sparender Schwabe nur so hart gönnen?

Bei solch einer Mammutaufgabe vor den Augen, kann man nicht gleich im ersten Level „Chaos der afrikanischen Fährenindustrie“ die Nerven verlieren. Auch bei der Aufarbeitung des Ganzen muss man trotz übertrieben nervigen Teenager-und-Mutter-Russen auf den benachbarten Sitzplätzen die Kontenance behalten. WIE KÖNNEN MUTTER UND TOCHTER ÜBER STUNDEN HINWEG NUR SO RUMKICHERN? Das wirkt von außen doch mehr peinlich als gut erzogen. Oligarchen und das junge-Schwarze-die-nur-an-das-Geld-des-reichen-Amis-will-Duo hin oder her, die Fahrt bietet auch einige ansehnliche Highlights. In unserer, mit Luxus durchzogenen Business Class, läuft dieser Film mit Leo, wo der den Oscar für bekommt. Ein filmtechnisch fantastischer Anblick wie der Hollywood-Star vom Bären zerfleischt wird – ein Spaß auch für die jüngeren Gäste. Das wirkt von außen doch mehr verstörend als passend.

Weniger Kritik mehr Urlaubsstimmung, sollte meine Devise sein, während ich einfach Dinge aufschreibe, die mir gerade einfallen – der Leo-Film mit dem Bär ist nämlich ohne hörbaren Ton… Frechheit!11!!!1111!! Da bleibt das Luxus-Gefühl in der Business Class aber aus, Kilimanjaro Fast Ferries Ltd!

So, genug Zeit mit künstlichem Aufregen verbracht. Die Anlegezeit ist in Sichtweite und dann geht das ganze Chaos wieder von vorne los. Bitte, lasst mich einfach meinen Koffer finden… In diesem Sinne: let the journey begin…again.

edit: sitze im Hotelzimmer... n Träumchen


Sonntag, 7. August 2016

++7: Ein Deutscher spielt PokémonGo in Afrika und ihm passiert großes Unglück

She's come undone


















(beim fünften Absatz hätte ich fast geheult)

Ich blicke nach 74° Ost und mein Herz schlägt ein bisschen schneller. Leider bekomme ich aus dem völlig falschen Grund Herzrasen. Schon wieder denkt ein dahergelaufener Typ, dass ich sein Freund wäre. Und nein, ich brauche keine neue Sonnenbrille geschweige denn ein Handykabel fürs I-Phone. Ein Taxi so oder so nicht. Es ist 5:59 Uhr Ortszeit (AM) in Daressalaam und ich habe andere Dinge zu tun. Wichtigere Dinge als undurchsichtige Straßengeschäfte, bei denen ich aufgrund meiner Hautfarbe so oder so den Kürzeren ziehen werde.


„Geo-Catching“ heißt der Anlass für meinen morgendlichen Spaziergang durch die tatsächlich noch schläfrige Großstadt am indischen Ozean. Über diesem wird nämlich auf 74° Ost in wenigen Minuten die Sonne aufgehen. Deswegen steht meine Canon neben mir und wir blicken zusammen übers Meer. Nur einige Mal werden wir von joggenden Fußballmannschaften und neugierigen Geiern in unserer trauten Zweisamkeit gestört. 

She didn't know what she was headed for
Der Weg zum perfekten Ort für das kommende Foto-Setup beginnt allerdings schon gestern. Am Samstagnachmittag spaziere ich durch unbekannte Gassen und Stadtteile, blicke immer wieder auf meine Kompass-App auf dem Samsung. „74° Ost“ lautet das Ziel und während ich Strände und Straßenzüge ablaufe – und das fällt mir jetzt erst auf, während ich diesen Text schreibe – spiele ich in einem fernen Sinn PokémonGo… wobei es nicht darum geht alles und jeden zu fangen, sondern in meiner Variante gibt es nur ein Pokémon und um das dreht sich unsere Welt schon eine ganze Weile. Es ist riesig, jenes Ding und wenn man es richtig in Szene setzen will, muss man es finden bevor es sich überhaupt zeigt (oder googlen wann und wo es aufgeht). 

and when I found out what she was headed for  ... It was too late
Somit sitze ich hier am heiligen Sonntagmorgen (wobei, viele Leute hier muslimisch sind. Die haben, glaube ich, andere heilige Tage, aber egal) und warte während das Meer zu meinen Füßen sanft gegen die Mauer rauscht. Da ist das Ding. Nach minutenlangem Warten wandert die Sonne langsam über den Rand des indischen Ozeans und verschwindet wieder. Jetzt beginnt der Stress für meine treue Begleitung, weil in den Breitengraden, in denen wir uns gerade aufhalten, sind Sonnenauf- und Untergang schneller vorbei als sonst wo. Die Nähe zum Äquator also nicht nur temperatur-technisch zu spüren.




She's come undone.
Heute haben wir leider unglaubliches Pech. Für das gemeinsame Date zwischen technischem Gerät und Besitzer am Ozean wählten wir den falschesten aller Tage. Meine Schuld, ganz klar. Nur auf die Kompass-App geschaut und nicht auch noch die Wetter-App zu Rate gezogen. Dummheit. Es ist nämlich super bewölkt und das gesuchte Motiv kaum zu finden. Nach minutenlangem Bangen und Hoffen auf Besserung, machen wir uns enttäuscht auf den Weg nach Hause. 


Dort angekommen haben wir doch noch ein wenig Glück, weil wir vor dem massiven Regenschauer die heimischen vier Wände erreichen. REGEN? In Tansania? Zu dieser Jahreszeit? Jap, der erste Regentag seit Monaten. Nicht euer Ernst. Dabei wollte ich doch nur ein Foto machen. Nur ein Foto. Mehr nicht …


She found a mountain that was far too high

Donnerstag, 28. Juli 2016

++6: Jung, attraktiv, keine zu breiten Hüften

Hey DU! Ja, genau DU. DU normales, tansanisches Mädchen von der Straße. Willst DU dein Leben von einem Wimpernschlag auf den anderen verändern? Na klar willst DU das.

Quelle: girlsnotbrides
Bist DU zwischen 18 und 25 Jahre alt? Okay, zum Glück. Ansonsten wird’s nichts mit der Veränderung. Hast DU eine so stabile, afrikanische Kindheit verbracht, dass DU in deinem Alter weder verheiratet bist noch Kinder hast? Sehr gut, somit völliger Durchschnitt für diesen Teil der Welt. Bereit für dein einschneidendes Abenteuer? Ja?!

Ach so, eins noch: Englisch solltest du sprechen können. Klasse, hätte uns auch gewundert, wenn gerade DU zu dem Viertel der Schulabbrecherinnen gehörst, die nicht schwänzen, sondern beispielsweise wegen Schwangerschaft, Krankheit, Armut oder anderen Gründen nicht mehr zur Schule gehen können.

Wie groß bist du eigentlich? Ganz durchschnittliche und unauffällige 1,70 Meter sollten es schon sein, um dein Leben zu verändern… am besten sogar noch ein kleines Bisschen größer als das. Perfekt, dann steht deinem großen Moment nichts mehr im Wege. Kannst DU im Bikini mit deiner makellosen Figur überzeugen? Nichts unkomplizierter als richtig dünn und europäisch auszusehen, ganz genau.

Was sind schon Gene oder kulturelle Unterschiede? Es heißt ja nicht ohne Grund DAS Schönheitsideal – da gibt es keine Mehrzahl.

Wie sieht es mit Waxing aus? Machst DU das ebenfalls regelmäßig? Ist doch für eine normale, junge, afrikanische Frau ein Usus, nicht wahr? Abendgarderobe hast DU genug? Super, dann bist DU bereit für unser großes Event, das natürlich ganz typische Tugenden aus dem östlichen Afrika widerspeigelt. Dort wirst DU, Normalste, Durchschnittlichste und Repräsentativste von allen tansanischen Mädchen, mit anderen Normalos um die glänzende Krone kämpfen. Eine Krone, so normal, sie wird unter der Schirmherrschaft des nächsten amerikanischen Präsidenten vergeben. Wenn das nicht vertrauenserweckend ist…

Quelle: Statista: BIP Tansania
DU musst allerdings bei deiner tragenden Beantwortung von wichtigen Fragen ohne Teleprompter auskommen. Dafür vor ganz durchschnittlichen Menschen, die für den Eintritt zu unserem Event – zu deinem großen Moment – nur 50$ bezahlen. Ein bisschen vom niedrigsten durchschnittlichen pro-Kopf-Einkommen der Welt muss auch mal drin sein. Logisch! Insbesondere, wenn sich das Leben einer typischen Einwohnerin vom einen Moment auf den anderen ändert. Der Wahnsinn! Diese Person kannst DU sein. Worauf wartest DU, alltägliches Abbild der Frau im östlichen Afrika, noch?

Dein neues Leben ist nur eine Krone entfernt… und ein paar Schönheitskriterien… und ein wenig Schulbildung… und noch ein bisschen hiervon und davon… ach, egal. Deine Hüften sind eh zu breit, die entsprechen nicht der Miss-Universe-Norm. Einen schönen Tag noch. 

Facebook: MissUniverseTanzania

Montag, 18. Juli 2016

++5: Just some pics of Dar

Ein Haufen an Bildern. Frei nach dem Motto: weniger ist mehr und man bekommt, was man sieht - oder so ähnlich. Daressalaam bietet insbesondere nach Sonnenuntergang einige schöne Plätze für Besitzer einer guten Kamera, die länger belichtet als ein Vine.


















Donnerstag, 14. Juli 2016

#tbt: Schwäbisch-afrikanische Probleme


Als Schwabe in Afrika hast du’s nicht immer leicht


Eindrücke aus dem Okavango Delta
Ganz zu Anfang möchte ich Folgendes loswerden: Dieser Kontinent ist der Hammer. Die Menschen inspirieren. Die Landschaften rauben den Atem. Die Erfahrungen sind prägend. Aber, und das ist ein sehr springender Punkt, auf dem „schwarzen Kontinent“ läuft alles ein bisschen anders als bei uns Zuhause im Ländle. Sehr zum Leidwesen meines schwäbischen Migrationshintergrunds, der mir hier unten im Süden Afrikas schwer zu schaffen macht. Als hartnäckig arbeitender Ulmer Praktikant bei der deutschen Zeitung in Windhoek, heißt es am Wochenende nicht „schaffa, schaffa, Häusle baua“, sondern „schaffa, schaffa, Namibia erkunda“. Dann fangen die Probleme an.

Sparsamkeit kann man nicht walten lassen, wenn man durch die Gegend tourt. Da muss wohl oder übel der Bausparvertrag ruhen und die durchgelegene Matratze nach den letzten namibischen Dollars durchsucht werden. Sind diese gefunden, geht am Tag der Abreise endgültig der Schwabe in mir durch. Pünktlichkeit habe ich eh schon lange abgeschrieben, aber von einem europäischen Reiseveranstalter hätte ich zumindest eine Verspätung von unter einer Stunde erwartet – auch in Afrika. Auch, wenn man unsere Wohnung nicht gleich findet. In dieser Weltstadt Windhoek, die pulsiert wie das Nachtleben in Börslingen. Und den Schlafsack muss man – Frechheit – noch dazu
Windhoeks schöne Seiten
mieten. Kurz überlege ich, mich auf mein schwäbisches Rückgrat zu verlassen und auf dem Boden des Zelts ohne Zusatzangebote zu schlafen. Ich gebe nach und wühle zähneknirschend im Geldbeutele. „Zum Glück steht der Wechselkurs gerade gut“, denke ich süddeutsch.

Auf der anderen Seite lohnt sich jeder Cent der Reise. Namibia, Botswana und Simbabwe – wann kommt man da mal wieder hin? Fast schon unbeschreiblich. Löwen in freier Wildbahn zu beobachten, hat halt ein bisschen mehr Flair als das Getier auf der mittleren Kuppenalb. Eine Fahrt durch das Okavango-Delta mit den traditionellen Mokoros ist was anderes als mit dem Schlauchboot auf der Schmiech zu schippern. Mit dem Helikopter über die Victoriafälle – ein Weltnaturerbe der UNESCO – zu fliegen, hat kurzzeitig echt mehr Unterhaltungswert als das Besteigen des höchsten Kirchturms der Welt.

Once in a lifetime - Victoria Falls
Dennoch vermisse ich Dinge aus der süddeutschen Heimat in der afrikanischen Wahlheimat. Zum Beispiel diese „alemannischen Teigwaren in länglicher Form“. Erschreckend aber wahr, das versuchen die Deutsch-Namibier schon seit Jahren und bekommen es nicht hin. Trostpreis gibt’s dennoch, da die namibischen Einwohner mit deutschen Wurzeln den Unterschied zwischen Knöpfle und Spätzle verstanden haben. Trotzdem ist das schwäbische Teig-Herz auf der Speisekarte tief verletzt. Den Chinesen, die allen Klischees rechtgeben und überall knipsen wie in der Ulmer Altstadt, schmeckt zumindest die Schweinshaxn. Diese hat es in Namibia ebenfalls auf die Liste der kulinarischen Nachwirkungen der Kolonialzeit geschafft. Helles Bier, das glänzt wie flüssiges Gold, allerdings nicht. Schade drum. Dafür aber Jägermeister. Den Kräuterlikör trinken die Namibier mit großem Stolz. Aber solange das Wetter und der Wechselkurs gut bleiben, kann ich mich auch damit
irgendwie arrangieren.


Sonntag, 26. Juni 2016

++4: Verfolgungswahn

Ich blicke mich panisch um. Afrikanische Dunkelheit. Mit schnellen Schritten mache ich mich wieder auf den Weg durch die nächtliche Ruhe von Daressalaam. Ich weiß, dass er irgendwo in der tropischen Hitze lauert. Er hat es auf mich abgesehen. Entkommen? Kaum möglich. Er ist überall und nirgends. Er könnte hinter jeder Kreuzung, in jeder noch so kleinen Gasse lauern. Er kommt aus dem Nichts und lebt auch dort. Ich drehe mich wieder um. Tansanische Dunkelheit. Einfach weitergehen. Er kann europäische Angst riechen. Ein Rauschen. Der nächstgelegene Busch erzittert und ein strammer Windzug streift meine jetzt zitternden weißen Knie. Lähmende Angst überkommt mich. Stillstand. Kraftlos. Machtlos. Planlos. Ich nehme all meinen Mut zusammen und komme doch von der Stelle. Weg. Nur noch weg. Ich renne durch die kaum beleuchteten Nebenstraßen der riesigen Stadt. Das Rauschen kommt immer näher. Nicht umdrehen. Keine Chance geben. Immer weiter, immer weiter. Oliver Kahn? Konzentrier dich lieber auf Wichtigeres!

Wie ein Kugelblitz biege ich links in die nächste Querstraße ab. Die Lichter der Häuser verschwimmen. Schneller, weiter, höher. Hinter einem kleinen Häuservorsprung ringe ich nach Luft. Selbst mitten in der Nacht ist die Hitze unerträglich. Erdrückend. Ernüchternd. Erlahmend. Ich wage einen Blick um die Häuserecke und erstarre vor Schreck. Da steht er. Ein einheimischer Hüne auf einem Motorrad. Er trägt eine Sonnenbrille. Sunglasses at night? Wie kann er damit überhaupt was sehen? Konzentrier dich lieber auf Wichtigeres!

Aber es gibt kein Entkommen mehr. Und er spürt das – meine Angst. Er genießt die aussichtslose Lage seines Opfers. Ganz langsam nimmt er die Brille ab. Ich kann die unbeherrschbare Macht in seinen Augen erkennen. Er holt tief Luft. Das Ende naht. Ich muss mich meinem Schicksal ergeben. Er ist kurz davor die alles entscheidende Frage zu stellen. Willst du mich heiraten? Konzentrier dich lieber … ach egal, schon zu spät!

Ich trete aus meiner Ecke hervor und stelle mich dem Riesen. Mitten auf der nichtbefahrenen Straße stehen wir uns gegenüber. Der Showdown. Der Richter und sein Henker. Nur wer ist wer? Ich halte seinem Blick nicht stand. Schaue zu Boden. Ein letzter Atemzug. Unausweichlich kommt die Frage, die über mein Überleben entscheiden wird, immer näher. Keine falsche Bewegung. Ich halte die Luft an. Vielleicht geschieht ein Wunder. Er hingegen atmet langsam aus. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ich bete innerlich um Vergebung. Zu spät! Das Rauschen ist verstummt. Stille. Das Ende.

 „Taxi?“


Donnerstag, 23. Juni 2016

#tbt: Zwei Lumpen, ein Trampolin und ein Korb


In einer unbekannten Sporthalle in einer kaum bekannten Stadt in Süddeutschland verletzen sich zwei Brüder durch spektakuläre Flugaktionen. Ein paar Jumpshots und misslungene Dunks später ist Muskelkater garantiert.






Samstag, 11. Juni 2016

++3: Extreme

„Oh, no! You know I was rooting for them.“ Island hat gerade super unglücklich das 1:1 gegen Ungarn kassiert. Ein Eigentor. Wir an der Hotelbar sind uns aber einig: Wenn der Abwehrspieler nicht zum Ball geht, trifft der ungarische Stürmer hinter ihm so oder so ins Netz. Der Ministaat knapp an der nächsten Sensation vorbei, aber Island ist nicht unser Land. Mein neuer Kumpel und ich sind uns da einig. Er unterstützt Deutschland. Keine Widerrede. Ich sage ihm, dass ich durch meinen Pass die Mannschaft ebenfalls unterstützen muss und will. Hineingeboren – könnte man sagen. Erst Minuten später fällt mir auf, was für eine politisch fragwürdige Formulierung ich mir hier aufgelegt habe. Ob’s ihm aufgefallen ist? Wohl kaum. Er wohnt hier im Hotel Serena. Hat bestimmt andere Probleme. Wie er sich das leisten kann? Kein Plan. (hundertpro Mafia !!!!1!!!111) 

Ich komme nur hier her, um mir die EM anzuschauen. Die Shisha-Bar um die Ecke ist mir zu gespenstisch. Um Welten billiger, aber auch eine Spelunke ohne Wissende und Liebende des Rasenballsports. Somit begebe ich mich nun also hin und wieder in die erste Welt und muss fragende Blicke über mich ergehen lassen, weil ich es doch echt gewagt habe mich in Shorts in die Bar zu setzen. Frevel! Das passiert mir am Dienstag nicht noch einmal. Da werden die Jordans abgestaubt und kein Knie gezeigt. Aber vielleicht deutsche Flagge. 

Ins andere Extrem geht es für mich auf dem Heimweg. Dort kaufe ich kurz vor dem Haus meiner Gastfamilie zwei komplette Hähnchen („Chickeeeeeeeen“) und Pommes („Chipppsiiiiis“). Der Betrag, den der geschäftige Inder und seine Swaheli-Straßenverkäufer für mein heutiges Abend- und morgiges Mittagessen wollen, ist fast identisch mit meiner Getränke-Rechnung an der Hotelbar. (@Mama: Nein, ich habe echt nicht viel getrunken ehrlich. Im Hotel ist es einfach ziemlich teuer) Die Preis-Leistungsverhältnisse in der Wannabe-Hauptstadt Tansanias, die so vielschichtig ist, sind einfach weit weit weit voneinander entfernt. Da genießt man entweder ein paar Bier oder einen Tag Essen für den fast identischen Schillingbetrag. Ach ja, verglichen mit Europa war das Bier im Hotel spottbillig. Das ist aber eine andere Geschichte.


++2: Afrikanische Geldgeschichten: Lug und Trug

Es tut mir leid das jetzt so trocken zu schreiben, aber in den Breitengraden hier unten hält man es mit der Wahrheit gar nicht streng. Beispielsweise wird aus einem dahergelaufenen Typen von der Straße plötzlich ein seriöser Regierungsmitarbeiter. Aus einem europäischen Schwätzer wird ein Journalist im Auftrag der Blablabalbablubberfasel Organisation.

Integration ist ja heutzutage ein schwerwiegendes Thema der Weltpolitik. Also habe ich mir (k)eine Blöße gegeben und mich dem hier vorherrschenden Wahrheits-Klima angepasst. (bitte keine Kommentare zu „Lügenpresse“ oder so, das ist nicht der springende Punkt in diesem Text)

Während meines Spaziergangs durch die chaotische Metropole Dar es Salaam auf der Suche nach DEM perfekten Foto-Motiv und einer Bar, die die EM überträgt, wurde meine Rhetorik also durchaus auf die Probe gestellt. Wahrheitsfindung – war des Öfteren ein Thema. Das hier entscheidende Fallbeispiel findet auf einem Abflussrohr mitten im indischen Ozean statt. Dort kann man bei Ebbe einfach hunderte Meter ins Wasser stapfen ohne nass zu werden. Das Motiv von Skyline und Meer ist aus diesem Blickwinkel erschreckend fotogen. Doch Halt. Ein Verfolger. Die 50 Zentimeter Rohr reichen kaum für meine Plattfüße, aber ein treuer Tansanier erblickt meine Weißnasigkeit und sieht seine Chance. Ich denke: „Der will dich bestimmt erpressen und ins Meer schupsen!“ Schockstarre. Der Kampf um das Rohr steht bevor. Gewinnen oder nass werden – das Motto des Fights über 12 Runden.

Es kommt nicht zur Neuauflage vom Rumble in the Jungle. Der Verfolger gibt sich auf unserem Steg, fern von der Innenstadt, als Regierungsmitarbeiter aus. Zitat: „Mir gehört das Rohr. Ich beschütze schon immer alle Touristen, die hier Fotos machen.“ Verdammt! Es gab schon Leute, die hier instagram-tauglich knipsten? Und Verdaaaammt! Der Typ ist von der Regierung? Einen Ausweis hat er nicht. Ich meine „Akkreditierung von der deutschen Botschaft persönlich ausgestellt“ auch nicht. Gleiches mit Gleichem. Ob ich Geld dabei hätte, fragt der besorgte Bürger Tansanias. Dann tische ich ihm – mit 40.000 tansanischen Schilling in der rechten Hosentasche – eine Story auf, von der ich wünschte, dass sie ebenfalls erstunken und erlogen wäre.

Ich habe natürlich kein Geld dabei. Armer Student und so. Süddeutsche Sparermentalität lasse ich dezent außen vor. Meine letzten Währungseinheiten habe ich gestern Nacht in einem chinesischen Casino-Restaurant, in dem sie das Eröffnungsspiel der EM auch nicht gezeigt haben, verballert. Dort ging ich mit 10.000 Schilling, die normalerweise locker für einen ganzen Tag inklusive Essen und Trinken reichen, davon aus, dass es hier nicht überteuer war. Weit gefehlt, du Depp! In einem östlich-asiatisch betrieben Spiellokal, das in direkter Nähe zu der chinesischen Botschaft steht, ist logischerweise nichts billig. Mein Smart-Ass also in großen Geldschwierigkeiten und unter eisern silbernem Blick der Chefin, die bestimmt noch andere Geschäfte (hundertpro Mafia !!!!1!!!111) nebenher durchzieht, in Erklärungsnot.

Um das oben genannte Vorurteil doch zu bedienen: Durch mein Studium der Wortverdreherei kann ich urplötzlich unglaublich überzeugend Unwahrheiten aus dem Hut zaubern. Natürlich ist der empörend horrende Preis in dem Etablissement nicht meine Schuld. Der Fakt, dass ich zu wenig Moneten in der Tasche habe, lohnt ja noch lange nicht, um hier einen Aufstand zu machen. Andere Menschen geben unglaublich viel Trinkgeld, da kann man einem armen Studenten aus Deutschland, der keine Ahnung von diesem neuen Land hat, keinen Vorwurf machen. Ganz logisch. Zehn Minuten später verlasse ich das Casino, ohne einen Cent in der Tasche und ohne zu wissen, dass Dimirti Payet gerade in einer anderen Zeitzone die Rumänen erschossen hat.

Am Ende der Geschichte weiß der verdatterte Regierungsbeamte meines Vertrauens nicht, um welchen Betrag es sich handelt, den ich dem Etablissement (hundertpro Geldwäscherei !!!!1!!!111) eigentlich noch schulde. (Anm. d. Red. Im Grunde lächerlich wenig) Aber das ist auch egal, weil es geht ums Prinzip. Hier unten schlängelt man sich halt durchs Leben. Okay, da sollte ich nicht mitmachen und durch diesen legendären Besuch in der chinesischen Spiel-Hölle habe auch ich einige Schlüsse gezogen. Ich gehe nicht mehr in ein chinesisches Casino auf der Suche nach Fußball. Weil das TV-Programm dort war mehr als verstörend.

Trotzdem muss man hier kreativ bleiben und das Spiel des Lebens mitspielen. Ansonsten wird es im wahrsten Sinne des Wortes teuer.

Meinen Foto-Trip im Ozean beende ich bevor mein besorgter Freund, auf der Suche nach his fair share of money, seine Lebensgeschichte auftischen kann. Die touristischen Ziele, die er als nächstes vorschlägt, habe ich natürlich schon alle gesehen. Ich bin ja schon seit Wochen hier und kenne mich unglaublich gut aus. So gut, dass ich drei weitere Fußballspiele verpasst habe. Dafür weiß ich jetzt, wo man sein Geld locker loswerden kann. Ganz ohne Spielautomaten und Fußball.


Dienstag, 7. Juni 2016

++1: 10 Winks, die man in Tansania braucht


1. Reißfesten Geduldsfaden
Ufff, hier ist alles ein Ticken langsamer. Oder zwei. Oder drei. Sekretärinnen schlafen beispielsweise bei der Arbeit auf ihrem Stuhl ein (Bilder versuche ich nachzuliefern). Ablenkung gehört hier irgendwie zur Arbeit dazu wie Schreibfehler auf Bürgerbewegungsseiten in Deutschland. Vorarbeit und Vorbereitung bleiben des Öfteren dezent auf der Strecke liegen. Da heißt es Effektivität hintenanstellen und einfach ein bisschen „Chillaxen“. Auch wenn man das schon über das gesamte Wochenende erledigt hat.

2. Antizipation 
So nennt es zumindest der eloquente Gymnasiast. Im Straßenverkehr in der Metropole Dar ist die vorausschauende Sicht- und Bewegungsweise förmlich überlebenswichtig. Auch als Fußgänger oder insbesondere als jener. Ein souveränes Überqueren der Straße braucht Geschick und das nötige Talent. Kann man nicht lernen. Da braucht’s Erfahrungswerte. Da muss man dann auch mal mit dem Unmöglichen rechnen. Unter Druck Höchstleistungen abliefern. Sprinten aber dringend umgehen – sieht einfach dumm aus. Als wäre man nicht von hier.

3. Zweite Kreditkarte 
Jaja, das liebe Geld. Auch wenn man als normaler tansanischer Bürger wenig davon braucht bzw. hat, muss der gemeine europäische Praktikant seine Gastfamilie bezahlen. Die ist ursprünglich aus Schwaben? Zumindest ist die Gastmutter nicht auf den Kopf gefallen und will im Monat für wenige Quadratmeter mehr als der Durchschnittsbürger im Jahr verdient. Kein Wunder also, dass da die erste schwäbische Kreditkarte am Automaten leidet und im Endeffekt den Dienst verweigert. Wenn man zwei Mal den Maximalbetrag der gesamten Bank abheben möchte, kommen eben Probleme auf.

4. Sprachkenntnisse 
Diese Probleme sind dann mit Händen und Füßen zu klären. (Bildungsauftrag) In Tansania werden nämlich über 120 Sprachen gesprochen. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Kolonien ist das Englische über die Zeit der Unabhängigkeit des Landes unwichtiger geworden. Swahili ist also die Zunge der Zeit und damit muss man sich abfinden. Oder sich weigern und sauer werden. Im Alltag eines Journalisten, der für einen Swahili-TV-Sender arbeitet, bietet das viel Potential für Reibungspunkte. „Einmal übersetzten bitte …“

5. Festes Schuhwerk
Hin und wieder gibt es hier sogar so etwas wie Regen. Dann werden die unbefestigten Nebenstraßen in der Möchtegern-Hauptstadt noch unbefestigter. In schwachen Momenten frage ich mich, warum meine Dummheit Jordans mit in diese Plörre mitgenommen habe. Imprägniert hin oder her. Kickgame-Selbstmord, so wird das in Fachkreisen genannt. Da bleibt der Style auf der Strecke wie ein Nichtantizipierfähiger im Straßenverkehr.

6. Kulinarisch zurückstecken
Jaja, das liebe Essen. Es ist unfassbar billig, das muss man konstatieren. Das ist toll. Auf der Kehrseite ist es super schwer im neuen Großstadtdschungel um die Ecke kulinarisch Wertvolles zu finden. Da streikt der Magen gut und gerne ein paar Tage … hoffentlich keine Wochen … aber das kann man bei der vertrauenswürdigen Apotheke um die Ecke sofort bekämpfen. Darf man hier in der Öffentlichkeit trinken? Egal, billiges Hühnerfleisch ist auch was. Vor allem zusammen mit Ei und Pommes. Kurioses Gemenge, da sich bei dieser Mischung das Vorstadium des Tieres mit dem Endstadium zusammenfindet. Whimsical.

7. Eigeninitiative 
Schließt sich in der Logikkette an Punkt eins an, beißt sich aber mit Punkt vier. Wer seinen halben Arbeitstag auf facebook verbringt, der findet kaum Zeit an andere zu denken. Also an gut 4000 „Freunde“ denken kann man auf jeden Fall. Das steht außer Frage. Aber wenn sonst schon kaum sinnvolle Zeitvertreibe da sind, da gibt es für einen der-Sprache-nicht-mächtigen Deutschen wenig auf der Agenda. Dennoch gibt es hier einen kleinen Makel bei der Arbeitsbeschaffung. Wenn man überambitionierter Schwabe ist, dann muss man die übriggebliebenen Kleinigkeiten natürlich schneller abarbeiten als andere… allein schon der großen Klappe wegen. Für eigene Projekte bräuchte es Lobby, Übersetzer, lokales Wissen und Zeit. Eines davon habe ich. Die anderen Punkte bräuchten das ebenfalls. Nur für viel länger. Aber da sind die kommenden zehn Wochen auch wieder zu wenig.

8. AirCon-Resistenz 
Verlässt man die meist unbefestigten Nebenstraßen der Stadt und findet sich in einem Office wieder, läuft man zumeist beim Überqueren der Türschwelle gegen eine Wand. Auf der einen Seite geht es in die Eiszeit und in die andere Richtung in den Backofen. Das ist Balsam für die Atemwege und das Immunsystem. Insbesondere wenn man davor schon 30 Minuten durch den Straßenverkehr antizipiert und davon ganz außer Atem ist.

9. Gutes Buch 
Akzeptiert man, dass Punkt sieben effektiv fast nicht zu erreichen ist, braucht es Gegenmaßnahmen. Youtuber gibt es zwar viele, aber bei Zeiten fällt hier auch mal der Strom aus oder das Internet (ja, das gibt es hier im Pleistozän von Kwanza TV reichlich) findet keinen Zugriff. Da bleibt nur eins zum Zeittotschlagen: ein Buch. Leider habe ich gerade keines und die, die bei meiner Gastfamilie liegen sind alle auf Norwegisch (andere Geschichte). Somit speichere ich mir gesamte Websiten auf meinen PC und lese online Dokumentationen offline. „Supernatural“ ist übrigens eine fantastische Serie. Fängt die EM bald an? Bars gibt’s hier nämlich genug.

10. Uraltes Fußballtrikot 
Das gehört hier einfach dazu. Wenn man zur Arbeit kommt, auf der Straße antizipiert, Busse fährt oder einfach „Chillaxed“ braucht man ein ewig aus der Mode gekommenes Hemd einer vorzugsweise europäischen Fußballmannschaft. Ob man die Stadt geschweige denn die Spieler kennt, ist egal. Hauptsache man hat eines dieser Kleidungsstücke aus vergangenen Sportjahrzehnten. Leider bin ich noch auf keinen Markt bekommen, wo es solche Trikots zu kaufen gibt. Da bin ich mit meinem Mainz Trikot – wie so häufig in diesem Land – alleine auf weiter, weißer Flur. Aber das ist okay. Am Ende erkennt man mich eh. Ich sprinte nämlich beim Überqueren der Straße fast täglich.